Leseprobe III: Menasche

Noch bevor der Krieg zuende war, hatte ich damit begonnen, an das Rote Kreuz zu schreiben, um herauszufinden, was mit meinen Eltern und Brüdern geschehen war. Nach dem Krieg, zur Mandatszeit, hörte man hier zwölf Stunden am Tag Radio. Es gab zwei besondere Arten von Sendungen. Eine Art war »Wir suchen…«. In der Sendung ging es um Leute, die nach Verwandten in Europa suchten. In der anderen wurden Listen von Leuten vorgelesen, die im Ausland überlebt hatten und in Palästina ihre Verwandten suchten. Dann kam eines Tages Tante Frimets Tochter Dora zu mir, als ich noch im Jugendheim war. Sie sagte: »Menasche, ich hab’ im Radio gehört, man sucht dich in Ramat Gan, weil man jemanden in Belgien gefunden hat.« Ich hatte damals kein Geld für eine Busfahrt, und so lief ich zu Fuß die zehn, elf Kilometer nach Ramat Gan, um heraus­zufinden, ob es sich bei diesem Jungen um einen meiner Brüder handelte. In Ramat Gan traf ich auf einen Piloten der amerikanischen Armee, der Israeli war und der sich freiwillig gemeldet hatte, als der Krieg ausbrach. Dann kam er nach Belgien. »Und da besuchte ich ein Waisenhaus«, sagte er mir, »und ein Junge sagte zu mir, er hätte einen Bruder in Israel, aber die Adresse wüsste er nicht.« So fand ich Adi wieder.

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Leseprobe IV: Brief von Deutschland nach Palästina, 1938

Es ist mir ein Trost jedes Mal zu lesen, dass Euer Kibbuz geschützt liegt. Unser Radio haben wir abbestellt (der Kosten wegen). Daher wissen wir nicht alles so. Fritz kauft schon mal ab u. zu die Zeitung, dann lesen wir alles mit Spannung. Von der Tante hatten wir vor 14 Tagen einen kurzen Brief, worin sie uns tröstet. Wir sollen nicht verzweifeln, u. sie laufen wegen uns Tag u. Nacht, dann weiter, sie hätten schon vor Monaten zum Konsul geschrieben, warum wir abgewiesen worden sind, aber noch immer haben sie keine Antwort. Wir wären nicht die Einzigen, die darauf warten müssen, u. hofft die Tante, dass wir uns bestimmt sehen würden. Also dieselbe Leier.

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