Leseprobe II: Adi

Ich dachte eigentlich, ich wäre im Herbst 1938, als ich etwa sechseinhalb Jahre alt war, mit einem Frachtschiff von Duisburg nach Ant­werpen geschmuggelt worden. Aber es war wohl, wie ich heute weiß, ein Jahr später. Ich wurde damals von einer Frau Fuchs, einer deutschen Jüdin, begleitet, die ich ansonsten nicht kannte und auch später nie wieder sah. Den Abend vor der Abreise verbrachten wir in einem Hotelzimmer in Duisburg. Gegen Mitternacht weckte mein Vater uns und brachte uns zu einem Schiff, das am Rhein angelegt hatte. Am Kai gab mein Vater mir noch mit auf den Weg, dass ich mit dem Flämischen in Belgien keine Probleme haben würde. Denn es klänge, so sagte er, ganz wie Kölsch Platt. Ich sollte einfach auf Platt reden, und die Belgier würden mich schon verstehen. Um auf das Schiff zu gelangen, musste ich vom Kai über eine Planke laufen, wovor ich große Angst hatte. Es war für mich schrecklich, als ich mich von meinem Vater verabschieden musste, und ich weinte sehr. Für mich begann in diesem Moment das Empfinden, meinen Eltern entrissen worden zu sein. Ich fühlte mich von nun an wie ein Waisenkind. Auf der Schiffsreise gab der Kapitän mich als seinen Sohn aus. Frau Fuchs blieb während der gesamten Fahrt in einer Kajüte, wo sie sich im Bettkasten versteckte. Morgens machte das Schiff in Emmerich Halt, der letzten deutschen Anlegemöglichkeit vor Belgien. Dort nahm mich der Kapitän mit an Land, und wir gingen zu einer Metzgerei, während der Zoll den Frachter inspizierte.

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