Buchbesprechung bei haGalil

haGalil2In der Novemberausgabe von haGalil findet sich eine Rezension des Buchs: „Ruth Baders Buch ‚Kölsche Jonge‘ beinhaltet gleichermaßen eine Botschaft an uns Leser wie an ihre Familie und letztlich auch eine Botschaft, die sie sich selber geschickt hat. Die Geschichte ihres Vaters Adi Bader steht im Mittelpunkt des Buchs und wird mit Leben gefüllt. Ruth Bader gibt ihm eine Stimme, die seine Erzählungen transportiert…“ [mehr]

Ruth Bader über die Entstehung des Buchs

Die Entstehungsgeschichte von »Kölsche Jonge« lässt sich bis in die Kindheit der Autorin, Ruth Bader, zurückverfolgen. Ihre jahrelange Motivation, die Kindheit und Jugend ihres Vaters, und schließlich auch die ihres Onkels, zu dokumentieren, erläutert sie hier.

Leserstimmen II: Rezension von Nele Tabler

„…Letztes Jahr erschien ‚Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da‚, das die Autorin gemeinsam mit ihrer Mutter Edith Devries schrieb. Ruth Baders neues Buch heißt ‚Kölsche Jonge: Spuren einer jüdischen Familie‘ und erzählt aus dem Leben ihres Vaters. Zwei Bücher mit ähnlichem Thema, dennoch vollkommen verschieden und schon gar nicht miteinander vergleichbar…“ [mehr]

Leserstimmen I: Rezension auf amazon.de

„Die Spuren der jüdischen Familie Bader aus Köln führen mitten durch das Grauen des Holocaust. Sie deuten auf Verzweiflung und Verlust, aber auch Hoffnung und Rettung. Ruth Bader ist den Spuren nachgegangen und hat die Überlebenden erzählen lassen. Ihre Geschichte ist zu einem bewegenden Zeugnis einer schrecklichen Zeit geworden – persönlich, vielschichtig und erschütternd…“ [mehr]

Leseprobe I: Vorwort

In meinen Händen halte ich ein Foto meines Vaters, das im Sommer 1938 aufgenommen wurde, als er siebeneinhalb Jahre alt war. Schon die frühesten Kindheitsjahre meines Vaters waren von Trauer und Verlust geprägt. Dennoch glaube ich, dass er, als dieses Foto im Jahr vor seiner Flucht aus Deutschland entstand, glücklicher war als jemals danach.

Basierend auf den Erzählungen meines Vaters Adi und seines Bruders Menasche vermittelt dieses Buch einen Eindruck vom Schicksal der Kölner Familie Bader. Die beiden Brüder verloren so vieles – ihr Zuhause, ihre Heimat, ihre Kindheit, ihre Geschwister, ihre Eltern.

Leseprobe II: Adi

Ich dachte eigentlich, ich wäre im Herbst 1938, als ich etwa sechseinhalb Jahre alt war, mit einem Frachtschiff von Duisburg nach Ant­werpen geschmuggelt worden. Aber es war wohl, wie ich heute weiß, ein Jahr später. Ich wurde damals von einer Frau Fuchs, einer deutschen Jüdin, begleitet, die ich ansonsten nicht kannte und auch später nie wieder sah. Den Abend vor der Abreise verbrachten wir in einem Hotelzimmer in Duisburg. Gegen Mitternacht weckte mein Vater uns und brachte uns zu einem Schiff, das am Rhein angelegt hatte. Am Kai gab mein Vater mir noch mit auf den Weg, dass ich mit dem Flämischen in Belgien keine Probleme haben würde. Denn es klänge, so sagte er, ganz wie Kölsch Platt. Ich sollte einfach auf Platt reden, und die Belgier würden mich schon verstehen. Um auf das Schiff zu gelangen, musste ich vom Kai über eine Planke laufen, wovor ich große Angst hatte. Es war für mich schrecklich, als ich mich von meinem Vater verabschieden musste, und ich weinte sehr. Für mich begann in diesem Moment das Empfinden, meinen Eltern entrissen worden zu sein. Ich fühlte mich von nun an wie ein Waisenkind. Auf der Schiffsreise gab der Kapitän mich als seinen Sohn aus. Frau Fuchs blieb während der gesamten Fahrt in einer Kajüte, wo sie sich im Bettkasten versteckte. Morgens machte das Schiff in Emmerich Halt, der letzten deutschen Anlegemöglichkeit vor Belgien. Dort nahm mich der Kapitän mit an Land, und wir gingen zu einer Metzgerei, während der Zoll den Frachter inspizierte.

Leseprobe III: Menasche

Noch bevor der Krieg zuende war, hatte ich damit begonnen, an das Rote Kreuz zu schreiben, um herauszufinden, was mit meinen Eltern und Brüdern geschehen war. Nach dem Krieg, zur Mandatszeit, hörte man hier zwölf Stunden am Tag Radio. Es gab zwei besondere Arten von Sendungen. Eine Art war »Wir suchen…«. In der Sendung ging es um Leute, die nach Verwandten in Europa suchten. In der anderen wurden Listen von Leuten vorgelesen, die im Ausland überlebt hatten und in Palästina ihre Verwandten suchten. Dann kam eines Tages Tante Frimets Tochter Dora zu mir, als ich noch im Jugendheim war. Sie sagte: »Menasche, ich hab’ im Radio gehört, man sucht dich in Ramat Gan, weil man jemanden in Belgien gefunden hat.« Ich hatte damals kein Geld für eine Busfahrt, und so lief ich zu Fuß die zehn, elf Kilometer nach Ramat Gan, um heraus­zufinden, ob es sich bei diesem Jungen um einen meiner Brüder handelte. In Ramat Gan traf ich auf einen Piloten der amerikanischen Armee, der Israeli war und der sich freiwillig gemeldet hatte, als der Krieg ausbrach. Dann kam er nach Belgien. »Und da besuchte ich ein Waisenhaus«, sagte er mir, »und ein Junge sagte zu mir, er hätte einen Bruder in Israel, aber die Adresse wüsste er nicht.« So fand ich Adi wieder.

Leseprobe IV: Brief von Deutschland nach Palästina, 1938

Es ist mir ein Trost jedes Mal zu lesen, dass Euer Kibbuz geschützt liegt. Unser Radio haben wir abbestellt (der Kosten wegen). Daher wissen wir nicht alles so. Fritz kauft schon mal ab u. zu die Zeitung, dann lesen wir alles mit Spannung. Von der Tante hatten wir vor 14 Tagen einen kurzen Brief, worin sie uns tröstet. Wir sollen nicht verzweifeln, u. sie laufen wegen uns Tag u. Nacht, dann weiter, sie hätten schon vor Monaten zum Konsul geschrieben, warum wir abgewiesen worden sind, aber noch immer haben sie keine Antwort. Wir wären nicht die Einzigen, die darauf warten müssen, u. hofft die Tante, dass wir uns bestimmt sehen würden. Also dieselbe Leier.